Ein bisschen Amber braucht der Mensch...

16.02.2020

Ada landete am 22. Dezember 2018 bei uns.

 

Sie kam nicht, weil wir noch einen Hund „brauchten“. Unser Rudel war groß genug und perfekt aufeinander eingespielt.

 

Jahre zuvor hatte ich ein Bild von ihr bekommen, in dem der Absender sie als „Zaunkönig“ bezeichnet hatte und die Beschreibung danach mündlich lieferte: Die kleine Hündin war in der Hundeauffangstation in Rumänien auf den Zaun geklettert und hatte ihm in den höchsten Tönen eindringlich nachgerufen, als er das Gelände nach seiner Futterlieferung wieder verliess. Er hatte ihr flehentliches Rufen auch danach noch lange in den Ohren.

Ich hatte schon damals auf den Fotos den matschigen Boden, die vielen Hunde in der spürbaren Kälte hinter den maroden Holzlatten und Gittern gesehen - und sie doch alle wieder verdrängt, weil ich mich auch nach langen Jahren der Konfrontation mit den Schicksalen von Strassenhunden nie daran gewöhnen werde und es immer aufs Neue schwer erträglich ist für mich.

Ich wusste den Namen des Hundes nicht, der auf den Zaun geklettert war für höchstmögliche Aufmerksamkeit.

Auf einem Foto entdeckte ich das Tier zwei Jahre später wieder, als dringend Plätze für mehrere Langzeitinsassen der Rumänien-Hunde gesucht wurden. Bis zuletzt hoffte ich tatsächlich, dass sich noch jemand finden würde, weil jede Ergänzung für unser Rudel Streß bedeutet und für uns Menschen damit natürlich auch. Ich hoffte, der Kelch würde an mir vorüber gehen. Er ging nicht vorüber und der Termin für den nächsten Transport näherte sich. Das heisst dann irgendwann: Ja oder Nein zu einem Hund, der vorbereitet ist, kastriert, geimpft, gechippt, gesund. Es wäre mein Nein zur seltenen Chance für Ada, wie sie hiess, gewesen, endlich mit dem Leben loszulegen, zumal es nicht selbstverständlich war, dass sie bis dahin überlebt hatte.

Nicht begeistert, aber in der Zuversicht, dass auch diese Aufgabe zu bewältigen ist, entschlossen wir uns, Ada ins Rudel von Hund und Familie aufzunehmen und mit ihr eine weitere, ältere Hündin, die ebenfalls schon so lange wartete.

Zwei Tage vor Weihnachten am späten Abend öffnete ich die Hundebox, aus der mich kleine wache Augen aufmerksam beobachteten und in dieser Sekunde war klar, dass hier mein Weihnachtsgeschenk geliefert wurde. Voller Vertrauen sprang mir ein dünnes Tier in den Arm entgegen – und ist seit diesem Tag mein Schatten und meine Begleitung. Sie hatte mich angenommen in der ersten Sekunde und wischte alle Zweifel weg. Das Rudel wunderte sich über den energischen Zuwachs im Kleinformat und wenn Hunde mit dem Kopf schütteln könnten, hätten sie es alle getan.

Aber „geht klar“ signalisierten die alten Hasen und daran hat sich nie mehr etwas geändert. Ada hiess binnen Minuten Amber, weil das ganze Tier von der Schwanzspitze bis zu den Augen bernsteinfarben ist. Ihre vielen Narben lassen erahnen, wie oft ihr Überleben nur durch Glück bestimmt war. Sie hört auf ihren Namen und folgt auf jeden Ruf ohne Verzögerung, sie war von der ersten Sekunde an sauber, sie schaute sich mit Eifer und Neugier von den anderen ab, was zur täglichen Routine gehört. Sie weiss alles und wir mussten nichts trainieren.

Sie ist nicht hier, weil wir einen weiteren Hund brauchten, aber tatsächlich hat der kleine Kobold bis zum Aufprall in unserem hundeerprobten Leben noch gefehlt. Sie bringt uns alle zum Lachen und klettert problemlos überall hoch; ihr Lieblingsplatz ist auf dem Fensterbrett neben meinem Schreibtisch.

Mit ihren mittlerweile 6 Jahren ist sie so fröhlich und verspielt, dass sie unseren Hunderentnerladen gehörig aufmischt. Amber ist mit Abstand die Kleinste hier und dabei die bemerkenswerteste Hunde-Persönlichkeit, die man sich denken kann.

Wir sind sehr froh, dass sich die Beschreibung ihres Rufens im Frühjahr 2016 so hartnäckig bei uns ins Gedächtnis eingebrannt hatte und sie uns dann pünktlich zu Weihnachten 2018 ohne Vorbehalte adoptierte, obwohl sie nicht auf unserer Wunschliste stand.


Ada in Rumänien 2016:

Sie ruft dem Besucher hinterher, der im Weggehen noch schnell das Handy zückt für diese Fotos.